gedanken zum sonntag


Die Bewahrung der Erde verbindet alle Menschen

von Elisabeth Engler-Starck

für den 7. September 2025

Elisabeth Engler-Starck. Foto: Daniel Lijovic
Elisabeth Engler-Starck. Foto: Daniel Lijovic

Wenn ich aus meinem Büro-Fenster schaue, sehe ich zwei Bäume. Noch sind sie überwiegend grün, aber langsam mischen sich die ersten roten Blattspitzen darunter. Bald kann ich hier wieder ein prächtiges Farbenspiel bestaunen. Wenn ich dieses Farben-Wunder sehe, denke ich: Was für ein Geschenk!

 

Am Ende des ersten Schöpfungsberichts in der Bibel heißt es: „Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ (Genesis 1,31). Die bunten Blätter an den Bäumen, das Vogelgezwitscher, die reifen Äpfel – es ist sehr gut. Aber in dieses Gefühl schleicht sich für mich immer wieder auch etwas anderes: Die Welt ist nicht nur ein wunderschönes, vielfältiges Geschenk, sondern auch ein sehr zerbrechliches.

In die Freude mischt sich auch Sorge: Die vielen Schlagzeilen über die Klimakrise, Umweltverschmutzung und den Schwund vieler Tierarten machen manchmal mutlos.

 

Ich frage mich: Kann ich da überhaupt etwas ausrichten? Klar, ich kann häufiger zu Fuß gehen oder mit dem Fahrrad fahren, Plastikverpackungen vermeiden, regionale Produkte kaufen. Die Zweifel bleiben trotzdem: Mein Beitrag wirkt so klein angesichts der Größe der Welt.

 

Am Ende des zweiten Schöpfungsberichts in der Bibel steht: „Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.“ Gut, sich diesen Auftrag immer wieder bewusst zu machen: Wer die Schöpfung schätzt, wird automatisch sorgsamer mit ihr umgehen. Und noch etwas lese ich hier: Niemand ist allein mit dieser Aufgabe! Die Bewahrung der Erde verbindet alle Menschen.

 

Genau daran erinnert auch die „Ökumenische Schöpfungszeit“, die gerade viele Christinnen und Christen weltweit miteinander feiern. Bei der Dritten Europäischen Ökumenischen Versammlung der Kirchen (katholische, evangelische und orthodoxe Christinnen und Christen nahmen daran teil), die 2007 in Herrmannstadt in Rumänien stattfand, wurde vorgeschlagen, jedes Jahr vom 1. September bis zum 4. Oktober die Schöpfung ganz bewusst in den Blick zu nehmen. Diesem Vorschlag folgen seitdem viele Menschen weltweit.

 

Ich finde das eine schöne Idee. In diesen Wochen will ich wieder bewusster hinschauen, was ich für unsere Erde und meine Mitgeschöpfe tun kann. Perfekt wird es nie, aber jeder Schritt zählt. Und ich will staunen: Über die bunten Blätter, Kürbisse in allen möglichen Farben und Formen, Sonnenstrahlen zwischen den Wolken und Regentropfen, die gegen die Fensterscheibe klopfen. 

Elisabeth Engler-Starck ist Referentin für Ökumene im Dekanat Büdinger Land

Der Kirchenschatz

von Friedrich Fuchs

für den 31. August 2025

Pfarrer Fried
Pfarrer Fried

Moni hat jetzt einen Kunden-Stopper vor ihrem Laden. Das ist ein Ständer mit zwei Tafeln für Werbung im DIN A1–Format. Wenn ich wollte, könnte ich den auch mal sonntags für vor die Kirche bekommen. Hilft vielleicht. Monis Angebot ratterte mir sofort im Kopf. Was wäre denn ein pfiffiger Eyecatcher für Leute, die sonst nicht in die Kirche kommen? Ich habe meine Plakatsammlung durchgesehen. Sonnenblumen vor blauem Himmel mit nettem Bibelspruch. Oder Pusteblume. Weidende Schafe auf grüner Aue mit Psalm 23.   Fußabdrücke in Erde mit Spuren im Sand. Wolkendurchbrechender Mond mit Dietrich Bonhoeffers guten Mächten. Ach ja und oh weh. Die gern genommenen Motive sind im Lauf der Jahre ein bisschen sehr in die Jahre geraten. Zuviel des Guten. Sozusagen.

 

Gute Werbung zeigt Schätze, sagte Hans. Das habe er einmal in einem Handbuch für Marketing gelesen. Dann schlug er vor: Ein Riesenfoto von unserer Kirchentür, links vier Rollatoren, rechts drei Fahrräder, denen anzusehen ist, dass sie Konfirmanden gehören. Zwei Worte Text: Komm rein! Meint er das ernst oder ironisch? fragte ich mich. Bei Hans bin ich nie sicher. Er erklärte: Die Alten und die Halbjungen sind die Schätze der Kirche. Die zeigst du. Es gibt natürlich noch ein paar dazwischen. Aber jetzt mal grob gesehen. Ich hielt dagegen: So ein Bild zischt doch nicht. Wen soll das denn ansprechen?! Hans ließ sich aber nicht abbringen. Es zischt andersrum! Wo jetzt so viele immerzu kreativ und spritzig sein wollen, ist unspritzig der neue Spritz. Wer Augen und Ohren dafür hat, den erreicht das auch. Ihr werdet es noch erleben.

 

Thomas wusste dazu eine starke Geschichte, die ich nachher gleich gegoogelt habe. Im dritten Jahrhundert waren die Christen in Rom noch nicht genehmigt. Der Kaiser ließ sie verfolgen. Der Bischof wurde enthauptet, der Kämmerer namens Laurentius gepeitscht. Ihm wurde befohlen, er solle binnen drei Tagen das Gemeindevermögen der weltlichen Obrigkeit abliefern. Laurentius gehorchte nicht. Er verteilte allen Kirchenbesitz unter die Mitglieder der Gemeinde. Zum festgesetzten Termin erschien er mit Bedürftigen, Armen, Kranken, Witwen und Waisen. Die seien der wahre Kirchenschatz, erklärte er. Daraufhin wurde er zum Tod durch Grillen verurteilt. Sein Erkennungszeichen in der Kirchenkunst ist deshalb ein Grillrost, den er in der Hand hält. Diese besondere Karriere ist heute nicht mehr so bekannt.

 

Und jetzt? Unser Gespräch drehte sich noch eine Weile um die Frage, worin der Schatz der Kirche bestehe. Ich dachte dabei eher nicht an Menschen. Beinahe hätte ich gesagt: Der Schatz der Kirche ist die Botschaft, die Gott ihr anvertraut hat. Das kam mir aber zu dogmatisch vor. Deshalb sagte ich: Der Schatz ist, dass Gott uns Menschen liebt; sonst sähe es in Sachen Liebe ziemlich trübe aus. Thomas schaute zu Hans hin und meinte: Also ein großes Plakat mit der Aufschrift: Gott liebt die Menschen! Das ist doch wirklich hübsch unspritzig! Er glaube allerdings nicht, dass dadurch mehr Leute im Gottesdienst sein werden. Es wurde ein wenig eng.

 

Moni riet zur Entspannung. Ein Stopper vor der Kirche müsse doch nicht in erster Linie hineinlocken. Er zeige eben, was von drinnen nach draußen geht. Oder gehen sollte.

Friedrich Fuchs ist Pfarrer der Kirchengemeinden Aulendiebach, Rohrbach und Wolf

Ordnung tut gut, aber sie eben nur das halbe Leben

von Kerstin Hillgärtner

für den 17.  August 2025

Pfarrerin Kerstin Hillgärtner © Daniel Lijovic
Pfarrerin Kerstin Hillgärtner © Daniel Lijovic

Morgens brauche ich meinen immer gleichen Rhythmus: Kater füttern, mit dem Hund vor die Tür gehen, Hund füttern, erste Tasse Kaffee. Dann Zeitung, Nachrichten auf dem Handy und Tageslosung lesen. Und vor der zweiten Tasse Kaffee spricht mich besser niemand an.

Auch sonst habe ich gerne meine Ordnung: Meine Vorräte sind in einheitlichen Schraubgläsern verstaut, mein Schreibtisch ist voll, aber sortiert.

Am Anfang der Bibel wird erzählt, wie Gott die Welt geschaffen hat. Als erstes hat er Ordnung ins Chaos gebracht und aufgeräumt. Tag für Tag, Stück für Stück hat er Neues ins Leben gerufen und sortiert: Licht, Tag und Nacht, Erde und Meere, alles Lebendige „nach seiner Art“ (1 Mose 1,1). Und es war gut.

Mir tun mein Rhythmus und meine Ordnungsliebe gut. Die Welt um mich herum ist chaotisch genug. Weltweit verändern Dinge sich immer schneller. Da sehne ich mich nach Sicherheit, Ruhe und Frieden.

„Ordnung ist das halbe Leben“, sagt man. Aber da ist ja noch die andere Hälfte! In meinem Garten darf es an vielen Stellen wild und bunt wachsen. Wiese statt englischer Rasen, der Salat im Hochbeet darf auch blühen. Der Totholzhaufen ist sehr lebendig. Und auch im Haus darf sich die Bügelwäsche türmen und Hundespielzeug herumliegen.

In meinem Leben muss es auch nicht so ordentlich zugehen. Manchmal wäre ich gerne spontaner, verrückter, an vielen Stellen mutiger.

Gut, dass Gott am Anfang nicht bei strenger Ordnung stehengeblieben ist. „Gottes Geist wehte über dem Wasser“ (1. Mose 1,2). Das ist mehr als ein poetisches Bild. Gottes Geist ist seine lebendige, schöpferische Kraft. Er bringt Bewegung, wo Starre herrscht. Er bringt Leben, wo Leere ist. Ohne diesen Geist wäre die Schöpfung nie ins Rollen gekommen – sie wäre eine geordnete, aber leere Bühne geblieben.
Derselbe Geist wehte an Pfingsten durch Jerusalem. Er machte aus verängstigten Jüngern mutige Boten und Botinnen. Er schenkte ihnen Worte, die Herzen trafen, und eine Freude, die Grenzen sprengte.

Und dieser Geist wirkt auch heute noch. Er unterbricht meine Routinen, gibt mir neue Gedanken ein, schenkt mir Kraft, die ich nicht aus mir selbst habe. Er lädt mich ein, über den Tellerrand meiner Ordnungsliebe hinauszugehen. So lebe und glaube ich zwischen meiner Liebe zur Ordnung und meiner Sehnsucht nach Sicherheit auf der einen Seite und Freude an Überraschungen und kreativem Chaos auf der anderen Seite.

Mal schauen, was die nächste Woche bringen wird!

Kerstin Hillgärtner ist Pfarrerin im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirche zwischen Nidder und Bracht

Kinder des Lichts

von Hanne Allmansberger

für den 10. August 2025

Pfarrerin Hanne Allmansberger. © Daniel Lijovic
Pfarrerin Hanne Allmansberger. © Daniel Lijovic

Die letzte Woche war wechselhaftes Wetter. Erst der Dauerregen, sicherlich gut für die Natur an vielen Orten, aber trübe und nasse Tage in den Sommerferien sind für viele Familien und Urlauber nicht schön. Es kann mir auch mal aufs Gemüt schlagen, wenn es gar nicht richtig hell und warm werden will.

 

Dunkelheit nervt und da gibt es noch diese anderen Dunkelheiten, die wir einerseits aus den Medien erfahren wie Krieg, Hunger, Hass und Not. Andererseits die Dunkelheiten des menschlichen Lebens in der Familie, in der Gemeinde, die wir auch kennen: Streit und überzogene Ansprüche, Sparzwänge, Krankheit, Tod.

 

Wir sind doch mitten im Sommer, da wünsche ich mir anderes. In meinem Urlaub in Finnland habe ich die kurzen Nächte und die langen Tage genossen. Der Tag begann schon um 4 Uhr morgens und ging erst gegen 22 Uhr allmählich zu Ende. Nach so einem langen Tag war ich froh, dass die Nacht wenigstens ein paar Stunden Ruhephase schenkte.

 

Der Sommer im Norden ist in diesem Jahr lichtdurchflutet gewesen, oft 30 Grad warm. Am See im Sommerhaus konnte ich das genießen. Mücken, die kleinen Plagegeister, waren leider auch durch die Wärme reichlich vorhanden. Sonnenlicht hilft, dass die Seele aufatmen kann. Die Wärme, die uns entspannen lässt, wenn sie nicht zur Hitze wird.

 

Im Wochenspruch für den kommenden Sonntag schreibt Paulus: „Lebt als Kinder des Lichts“, so heißt es im Epheserbrief (5,8). Paulus ermuntert uns, Lichtquellen für andere zu werden. Lichter zu sein, die Orientierung geben, die Wärme ausstrahlen und Sicherheit schenken. Wie wäre das, wenn wir heute für einen anderen Menschen zu einer Lichtquelle werden könnten? Wenn wir in die gefühlte Dunkelheit des Lebens hineinleuchten – und das, auch wenn tagsüber die Sonne scheint?

 

Wie stellt sich das Paulus konkret vor? Im Epheserbrief beschreibt Paulus das ganz anschaulich. Zunächst schreibt er, wie Menschen sind, die keine Lichtquellen für andere sind. Die Bibelübersetzung „Hoffnung für alle" überträgt die Verse vor dem Wochenspruch so: „Ihr gehört nun zu Gott. Da passt es selbstverständlich nicht mehr, sexuell zügellos zu leben, über die Stränge zu schlagen oder alles haben zu wollen. Ihr sollt nicht einmal darüber reden!

 

Genauso wenig ist Platz für Klatsch, Sticheleien und zweideutiges Gerede.“ (Epheser 5,3f.) Paulus schreibt von Menschen, die keine Orientierungslichter sind, sondern Irrlichter, Blendlichter. Paulus beschreibt Menschen, die nur um sich selbst kreisen, die andere Menschen verletzen, durch ihr Verhalten und durch ihre Worte.

 

Werde ich heute so ein Mensch sein? Jemand, der alles haben will, der zügellos mit den Gefühlen anderer spielt? Werde ich jemand sein, der heute Klatsch, Sticheleien und zweideutiges Gerede von sich geben wird? Oder werde ich eine Lichtquelle sein, durch die Jesus hindurch scheint? Was Paulus damit meint, schreibt er in den beiden Versen 8 und 9: „Früher habt auch ihr in Dunkelheit gelebt; aber heute ist das anders: Weil ihr mit dem Herrn verbunden seid, seid ihr im Licht. Darum lebt nun auch wie Menschen, die zum Licht gehören! Ein solches Leben führt zu aufrichtiger Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit" (Eph 5,8-9 Hfa).

 

Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit – das wäre schön, wenn mein Leben davon heute etwas ausstrahlen könnte. Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit – im Umgang mit anderen Menschen: im Gespräch mit den Nachbarn, im Kontakt zu anderen Menschen. Dann, wenn ich mit meiner Familie zu tun habe: mit den Kindern, den Geschwistern, den weiteren Verwandten, die ich vielleicht gar nicht alle so gerne mag.

 

Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit – Jesus kann das bewirken. Wenn Jesus in uns lebt, kann er durch uns hindurch leuchten. Da wird es hell. Da werden wir zu Lichtquellen für andere Menschen. Nicht, weil wir das aus uns selbst hervorbringen. Nicht, weil wir so gütig oder so gerecht oder so wahrhaftig wären. Aber wir lassen es zu, dass Jesus es ist. Da leben wir als Kinder des Lichts. Wir können mit Jesus zu Leuchtfeuern werden, die anderen Menschen Orientierung geben. In der Taufe sind wir zu Gottes Kindern geworden. Schenke Gott uns allen, dass wir als Kinder des Lichts leben und sein Licht weitergeben.

Hanne Allmansberger ist Pfarrerin im Nachbarschaftsraum Niddaer Land

Aufbruch

von David Jumel

für den 27. Juli 2025

Pfarrer David Jumel. © Daniel Lijovic
Pfarrer David Jumel. © Daniel Lijovic

Sie haben beide ihr Alter. Haben einen großen Teil ihres Lebens bereits hinter sich. Doch sie brechen nochmal auf. Lassen alles hinter sich. Begeben sich raus – suchen das Ziel – vertrauen auf Gott und darauf, dass es gut wird, irgendwie.

 

Abraham und Sara heißen die beiden biblischen Figuren, die den Aufbruch wagen. Als Handpuppen waren sie mit mir unterwegs: in die Schule zu den ErstklässlerInnen und in das Seniorenheim zu den Seniorinnen und Senioren.

 

Ein Menschenleben kennt unzählige Aufbrüche, leichte und schwere, schöne und traurige und gewollte und ungewollte. Wie gut, dass wir dabei nicht alleine sind. Wie gut, dass da einer mitgeht. Einer, der, wenn wir ihn in unser Leben lassen, nicht von unserer Seite weicht und uns hält und erhält.

 

Das kann ich spüren – egal, ob als Kind oder Greis. Doch manchmal, da verstehe ich die Wegbegleitung erst im Rückblick. Und manchmal, da ist es über Strecken kompliziert, da erlebe ich Wüstenzeiten, Wüste um mich herum und Wüste in mir. Doch die halten bekanntlich nicht dauerhaft an. Wie gut.

 

Nach so einer Woche mit dem Thema Aufbruch und dem Zusammentreffen mit Menschen unterschiedlichen Alters, da bleibe ich selbst am Thema hängen. Wie ist das eigentlich bei mir gerade, wohin breche ich auf? Oder wo stecke ich gerade fest und sehne einen Aufbruch herbei? Habe ich die Kraft für einen Aufbruch? Breche ich alleine auf oder habe ich Wegbereiter und Wegbegleiter?

 

Einen dauerhaften Modus des Aufbruchs erlebe ich gerade in der Kirche oder zumindest eine Beschäftigung mit anstehenden Veränderungen, die einen Aufbruch bedeuten. Da erlebe ich Menschen, die vor Energie nur so sprühen und anpacken wollen, andere die noch zögerlich und unsicher abwarten, und wieder andere, denen alles viel zu schnell geht, die verunsichert sind.

 

Klar ist, ich brauche ein Ziel zu dem ich aufbreche. In die völlige Unsicherheit geht niemand freiwillig. Da stünde eine Menge auf dem Spiel, da müsste es mir schon arg gehen. All die Aufbrüche im Leben von uns Menschen, die rufen nach Begleitung. So wie das Kind an wichtigen Stellen im Leben durch die Eltern begleitet sein will, oder die betagte Dame durch ihre Kinder, wenn es nicht mehr wie gewohnt geht.

 

In der Vergewisserung, dass ich den Aufbruch nicht alleine gehen muss, da verbindet sich auch die Hoffnung, dass ich zu einem guten Ziel komme. Ich kann einen Schritt machen, den ich später nicht bereuen muss. Ich weiß mich gehalten und begleitet. Bei allen Aufbrüchen, gerade auch den schwierigen und ungewissen, dürfen wir auf Gott vertrauen. Er gibt uns seinen Segen und weist uns den Weg.

 

Damit stellt er meine Füße, wie es in Psalm 31,9 heißt, „auf weiten Raum“. In der Weite eröffnen sich mir Perspektiven und neue Wege und in der Begleitung durch Gott darf ich mutig aufbrechen. Ich wünsche Ihnen immer wieder Aufbruchs-Erfahrungen, die ihr Leben bereichern.

David Jumel ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirche in den Auen 

„Ich weiß genau, was du tun kannst!“

von Ulrich Bauersfeld

für den 13. Juli 2025

Pfarrer Ulrich Bauersfeld. © Daniel Lijovic
Pfarrer Ulrich Bauersfeld. © Daniel Lijovic

In der vorletzten Woche, da wurden wir alle ja beinahe gekocht. Man hätte glatt die Tür vom Gefrierschrank öffnen und sich davorsetzen können! Es war sowas von warm! Doch solche Tage werden wieder und wieder kommen. Und sollten wir tatsächlich auf die Idee verfallen, uns vor den offenen Gefrierschrank zu setzen, würde es noch viel schlimmer. Denn das ist ja gerade das Problem: Weil wir so viel Energie verbrauchen, hält unsere Welt es nicht mehr aus, und das Klima schlägt Purzelbäume.

 

Wir müssen unbedingt herunterfahren mit unserem Energieverbrauch. Doch wie geht das? Eine Idee gibt mir der Bibelvers, der im Kirchenjahr über diesem Sonntag steht: „Einer trage der anderen Last, so werdet ihr das Gesetz Christi erfüllen.“ (Gal. 6,2)

 

Eigentlich machen wir es ja eher umgekehrt – zumindest, was den Umweltschutz angeht. Wir fragen nicht so gerne: „Was kann ich tun, damit es anderen besser geht?“, sondern wir fragen eher: „Was können die anderen tun, damit es mir besser geht?“

 

Wir haben durchaus eine ganze Menge Ideen, wie wir die Natur schützen können – sofern es die anderen Leute betrifft. Ein Mensch, der selbst keine große Lust auf Fleischgerichte hat, ist vermutlich schnell dabei zu sagen: „Wir müssen weniger Fleisch essen!“ Eine andere, die wenig Gefallen an Flugreisen findet, kann schnell den Gedanken haben: „Wir müssen die Flüge reduzieren!“. Und ein dritter, der nicht allzu viel Wert auf schicke Kleidung legt, wird leicht sagen: „Die Textilproduktion schadet der Umwelt!“

 

Wir wissen oft sehr genau, worauf die anderen Menschen verzichten sollten – nämlich auf das, was wir selbst nicht so sehr brauchen. Damit aber wird die Welt nicht gerettet. Eine Chance gäbe es vielleicht, wenn wir die Dinge verringern würden, die uns selber wichtig sind – aber nicht unbedingt nötig: wenn die Reiselustigen weniger reisen, die Fleischesser ihren Verbrauch reduzieren, die Modebewussten vermehrt ältere Kleider anziehen.

 

Wenn wir nur danach fragen, auf was andere verzichten können, leben wir nach dem Motto: „Ein jeder andere trage meine Last!“ Doch es geht nur umgekehrt: „Ein jeder überlege, was er selber tragen könnte – um allen zu helfen!“ Dann kommen wir dem Gesetz Christi näher.

 

Das Eis ist dünn, auf dem ich mich bewege. Die Worte, die ich schreibe, treffen auch mich. Aber sie nicht zu äußern, ist keine Option mehr. Und vielleicht sind sie ein Anstoß – vielleicht auch für mich selbst.

Ulrich Bauersfeld ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirche zwischen Nidder und Bracht und stellvertretender Dekan 

Auszeit – Gedanken zum Beginn der Ferienzeit

von Alexander Starck

für den 6. Juli 2025

Pfarrer Alexander Starck. ©Daniel Lijovic
Pfarrer Alexander Starck. ©Daniel Lijovic

Uff, geschafft! Endlich sind Ferien! Eine arbeitsreiche Zeit voller Termine und Verpflichtungen liegt hinter uns und jetzt endlich ist sie da, die Ferienzeit.

 

Sicher, wir sind nicht alle zur gleichen Zeit im Urlaubsmodus. Manche hatten vielleicht schon ihre Auszeit, andere müssen sich vielleicht noch etwas gedulden. – Aber zumindest für die Schülerinnen und Schüler ist es nun soweit und die lang ersehnten Ferien haben begonnen.

 

Jetzt ist die Zeit, den Rucksack abzusetzen – nicht nur den aus Stoff, sondern auch den aus Gedanken, Sorgen und Erwartungen. Ferien sind eine gute Gelegenheit mal zur Ruhe zu kommen.

 

„‚Kommt mit‘, forderte Jesus sie auf, ‚wir gehen jetzt an einen einsamen Ort, wo wir für uns sind. Dort könnt ihr euch ein wenig ausruhen.‘“ – So heißt es im Markusevangelium im 6. Kapitel nach der Übersetzung „Hoffnung für alle“.

 

Jesus selbst wusste, wie wichtig Pausen sind. Nach anstrengenden Tagen mit vielen Menschen, Heilungen und Gesprächen rief er seine Jünger zu sich und sagte: „Ruht ein wenig aus!“Er, der die Gesellschaft anderer Menschen suchte, fast immer in Gemeinschaft mit anderen unterwegs war, achtet sehr genau auf die Bedürfnisse seiner Jünger.

 

So können auch wir uns einladen lassen zur Ruhe zu kommen – nicht nur körperlich, sondern auch innerlich.

 

Ferienzeit heißt für mich: Abstand gewinnen. Neue Perspektiven finden. Die Seele baumeln lassen. Es muss dabei auch gar nicht die große Reise sein. Auch zu Hause kann es gelingen, solche Auszeiten zu gestalten: Bei einem Spaziergang, beim Beobachten eines Sonnenuntergangs, bei einem Besuch bei Freunden oder bei einer gemütlichen Tasse Kaffee am Morgen.

 

„Dort könnt ihr euch ein wenig ausruhen.“ – Das ist keine Nebensache, sondern Fürsorge. Jesus gönnt seinen Jüngern eine Atempause.

Nicht, um danach noch effizienter zu sein, sondern aus reiner Menschlichkeit.

 

Von diesem Beispiel können wir uns auch inspirieren lassen: Lass den Alltag mal hinter dir. Nicht, um die Batterien wieder aufzuladen, um weiter zu funktionieren, sondern um dich zu entlasten und neu Luft holen zu können.

In dieser Ferienzeit musst du nichts leisten, du darfst einfach sein – als Kind Gottes.

 

In diesem Sinne: Eine gesegnete Ferienzeit!

Alexander Starck ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Niddaer Land

Rainald will es ganz sicher haben

von Friedrich Fuchs

für den 29. Juni 2025

Pfarrer Friedrich Fuchs. © Daniel Lijovic
Pfarrer Friedrich Fuchs. © Daniel Lijovic

Wenn ich in ein Kaufhaus gehe, weiß ich meistens, was ich dort will. Diesem Wollen zum Trotz komme ich öfter mit etwas anderem heraus. Socken und ein Hemd statt Sakko, ein emaillierter Brotkasten statt einer vollautomatischen Kaffeemaschine. So ist das eben.

 

Rainald sprach mich an. Ich hätte doch vor Kurzem vom Warenhaus Gottes gepredigt. Bildlich gesprochen wäre er schon ein paarmal dort gewesen. Einen Schutzanzug hätte er gerne. Einen gegen die vielen Unannehmlichkeiten, Misslichkeiten und Katastrophen im Leben. Und zwar keinen irdischen, sondern einen himmlischen. Sozusagen. Bei ihm ist Sicherheit großgeschrieben. Schließlich wäre alles um ihn herum in der letzten Zeit immer bedrohlicher und gefährlicher geworden. Und er rechne mit dem Schlimmsten. Also habe er im Warenhaus Gottes nachgefragt. Mehrfach. Es gäbe für ihn aber nichts Passendes. Das wäre ihm ein für alle Mal klar geworden.

 

Und jetzt? Vielleicht hast du ja im Warenhaus Gottes etwas anderes gefunden. Rainald ging darauf nicht ein. Seine Rede bekam Schwung und endete dort, wo seine Reden in der letzten Zeit eigentlich immer enden. Dass sich die Erde in ein Irrenhaus verwandelt habe. Und dass anständige Menschen wie er jetzt schutzlos den Machenschaften der vielen Irren ausgeliefert wären. Das könne nicht mehr lang so weitergehen. Aua. Das ist schlimm, sagte ich. Aber vielleicht wartet der Untergang noch ein bisschen. Die Erde ist doch schon immer ein Irrenhaus gewesen. Wir haben es nur ein paar Jahrzehnte nicht so stark gemerkt. Auf unserer Station hatten wir Premium-de luxe-Versorgung. Die scheint aufzuhören. Rainald winkte ab und schlug Themenwechsel vor. Mit mir könne man über sowas nicht diskutieren. Das wars dann für diesmal. Höchstwahrscheinlich hätten wir noch einigen Text füreinander gehabt.

 

An Pfingsten kam mir der Gedanke, dass es im Warenhaus Gottes vermutlich eine große und supergut bestückte Outdoor-Abteilung gibt. Die Jünger Jesu waren nach Ostern und der Himmelfahrt ihres Herrn ziemlich eingeschüchtert. Keine Zukunftsperspektive, viel miese Stimmung, Unbehagen, Angst. Dann das Pfingstwunder, Apostelgeschichte zwo. Gottesgeist peppte sie auf. Sie zogen los, gingen hin in alle Welt, machten zu Jüngern, tauften, lehrten, starben reichlich angefochten irgendwo als Glaubenszeugen.

 

Die Outdoor-Aktivitäten der Jünger haben einen üppigen Legendenpool erzeugt. Petrus soll nach Rom gekommen sein. Paulus vielleicht bis nach Spanien. Thomas nach Indien. Matthias der Nachgewählte liegt in einem Vorort von Trier begraben. Martha aus dem Freundeskreis Jesu schipperte bis in die Provence, bekehrte einen Drachen und starb fern vom Heiligen Land. Sehr viele Legenden, keine historischen Berichte. Klar doch. Legenden. Klar ist aber ihre Tendenz. Leute mit Angst suchten Sicherheit. Sie bekamen Lebensenergie. Sicherheit auch. Nur anders als sie ursprünglich wollten.

 

Wenn du wieder einmal im Warenhaus Gottes vorsprichst, dann geh doch mal in die Outdoor-Abteilung. Rainald wird vermutlich sagen, die sei mehrere Nummern zu groß für ihn. Vielleicht sagt er das aber auch nicht und findet etwas.

Friedrich Fuchs ist Pfarrer in Aulendiebach, Rohrbach und Wolf

Wir sind nicht allein

von Tanja Langer

für den 22. Juni 2025

Pfarrerin Tanja Langer. © Daniel Lijovic
Pfarrerin Tanja Langer. © Daniel Lijovic

Während sich die Mehrheit der Menschen in diesen heißen Tagen eine Auszeit am Badesee nimmt oder mit roten Wangen auf dem Hessentag herumläuft, habe ich mich mit dem Kollegen Pfannkuchen und einer Tüte Popcorn ins klimatisierte Kino gesetzt.

 

Wir beide lieben Disneyfilme. Da war es doch klar, dass wir uns den Start von „Elio“ nicht entgehen lassen. Ich will Sie kurz mitnehmen in das Abenteuer des kleinen Elio, der seine Eltern verlor und nun bei seiner Tante lebt. Es fühlt sich nicht richtig an. Er vermisst seine Eltern, glaubt, dem Leben seiner Tante nur im Weg zu stehen und fühlt sich sehr allein.

 

Die Kinder halten ihn für eigenartig und hänseln ihn. Da bekommt er mit, dass die Raumsonde Voyager schon seit Jahrzehnten durchs All fliegt und Leben sucht. Und plötzlich gibt es eine Antwort. Elio beginnt mit seinem Funkgerät nach diesen Signalen zu suchen und schickt die Botschaft „Holt mich hier ab“.

 

Und dann passiert es tatsächlich. Aliens bringen Elio auf einen Planeten, auf dem von allen bekannten Spezies Vertreter friedlich zusammen leben. Elio ist begeistert. Er glaubt, endlich einen Platz gefunden zu haben, wo er gewollt ist und seine Einsamkeit ein Ende findet. Mehr will ich an dieser Stelle nicht verraten.

 

In vielen Momenten habe ich mich Elio sehr verbunden gefühlt. Egal in welchem Alter, kennt doch jeder mal das Gefühl, allein zu sein. Dass man anderen Menschen eher Last als Freude ist. In vielen seelsorglichen Begegnungen ist das ein Thema. Paare, die über Jahrzehnte ein „wir“ waren und nun fehlt dieser geliebte Mensch und das Leben muss ganz neu sortiert werden. Oder andere, die umgeben von Menschenmassen trotzdem einsam sind.

 

Als ich nach dem Kino nach Hause fuhr, kam ich an etlichen Kirchen vorbei und las die Aufschrift auf den Bannern „Du bist nicht allein allein“ nochmal ganz anders. Elio fühlte sich allein. Kein Bewohner unseres Planeten Erde vermochte Elio ein anderes Gefühl zu geben. Zum Schluss erkennt Elio, dass seine Bestimmung nicht in fernen Welten liegt, sondern direkt bei ihm vor der Haustür. Er brauchte aber erstmal die Distanz, um das Gefühl und sein Leben von einer anderen Perspektive zu sehen.

 

Manchmal kann es so einfach sein. Wir sind nicht allein. Es gibt da „einen“, dem wir nie lästig sind und der uns annimmt, mit allem, was uns ausmacht. Für andere Menschen mögen wir hin und wieder sonderlich sein, aber von Gott dürfen wir uns geliebt fühlen.

Tanja Langer ist Pfarrerin im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirchen am Limes

Gnade und Liebe – echt?

von Ulrich Bauersfeld

für den 15. Juni 2025

Pfarrer Ulrich Bauersfeld. © Daniel Lijovic
Pfarrer Ulrich Bauersfeld. © Daniel Lijovic

„Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.“ So lautet der Bibelvers zum Sonntag Trinitatis, der die „Dreieinigkeit Gottes“ zum Thema hat: Vater, Sohn und Heiliger Geist.

 

„Gnade, Liebe und Gemeinschaft“: Das klingt so nett, so freundlich, so positiv. Aber stimmt das denn auch? Ist Gott so: lieb und freundlich und immer auf gutes Miteinander aus? Erleben wir Gott nicht manchmal auch ganz anders? Warum steht dann so ein Satz in der Bibel?

 

Vielleicht hilft der Blick auf den Zusammenhang dieses Satzes. Er befindet sich am Schluss des zweiten Korintherbriefes. Diesen Brief schrieb Paulus an die Christen in Korinth. Und dabei ging es ziemlich zur Sache. Paulus zog mehrfach deutlich vom Leder, wies die Korinther zurecht, sprach von persönlichen Enttäuschungen und machte seinem Ärger über deren – seiner Meinung nach – falschem Verhalten ordentlich Luft.

 

Und dann (nachdem er noch so einige andere Dinge geklärt und auch ein paar versöhnliche Worte geschrieben und Grüße gesendet hat) kommt dieses Schlusswort: „Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen.“

 

Ich bin sicher: Diese Worte sind ernst gemeint und echt. Paulus sagt sie aus voller Überzeugung. Ja, die Unstimmigkeiten gab es und gibt es. Aber das Andere gibt es auch. Und dieses Andere ist stärker. Der gemeinsame Glaube an Gott, den Vater, an seinen Sohn Jesus Christus, an den Heiligen Geist ist eine stärkere innere Verbindung, als alle Meinungsverschiedenheiten und aller Ärger es sein können. Uns Christen eint mehr, als uns trennt. Dies drückt Paulus mit diesem letzten Satz des Briefes aus.

 

Und genauso verhält es sich – da bin ich tief überzeugt – auch mit unserer Beziehung zu Gott. Da ist vieles dabei, das wir nicht verstehen, ja, das uns vielleicht sogar sehr verletzt, verstört oder traurig macht. Trotzdem aber ist Gott der, der uns liebt, der uns gnädig ist, der uns das Leben mit sich anbietet: ein Leben, in dem wir immer wieder – trotz allem und in allem – seinen Trost erfahren dürfen, seine Hilfe erhalten und die Kraft, die wir brauchen, so schwer der Weg auch manchmal ist. Ich wünsche uns, dass wir Gott als den erleben, dessen Liebe größer ist als das, was wir nicht begreifen.

Ulrich Bauersfeld ist Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Wenings/Merkenfritz und stellvertretender Dekan im Dekanat Büdinger Land

Du bist nicht alleine … allein!

von Leroy Pfannkuchen

für den 8. Juni – Pfingstsonntag

Pfarrer Leroy Pfannkuchen. © Daniel Lijovic
Pfarrer Leroy Pfannkuchen. © Daniel Lijovic

Einsamkeit. Das ist zurzeit das große Thema in unserer Kirche.

 

Weil Einsamkeit kein einzelnes Problem ist, sondern alle Menschen betreffen kann: Egal ob jung oder alt. Städter oder Dörfler. Ehrenamtlich engagiert oder zu Hause auf dem Sofa sitzend.

 

Einsamkeit ist deswegen so gefährlich, weil sie oft kein Gesicht besitzt: Auch integrierte und engagierte Menschen, die sich regelmäßig mit anderen Menschen treffen, können sich in ihrem Inneren einsam fühlen. Selbst in Gesellschaft.

 

Die Pfingstgeschichte ist hierfür ein gutes Beispiel: Obwohl sich die Jünger und Jüngerinnen alle in einem Haus versteckt hatten, alle zusammen unter einem Dach waren, waren sie allein. Isoliert. Ein jeder und eine jede für sich. Aus Angst, was draußen in einer Welt ohne Jesus auf sie warten könnte.

 

Der Wendepunkt war der Heilige Geist.

 

Er hat nicht nur Mut in die Herzen der Jünger gelegt, sondern hat sie auch miteinander verbunden. Die Feuerzungen? Zeichen, dass ihre Gemeinschaft sichtbar mit Gott verbunden ist. Sie waren nicht allein. Auch nicht, wenn sie allein sind.

 

Dieser Geist der Gemeinschaft, er rauscht auch heute noch durch unsere Gemeinden. In Form vieler Ehrenamtlicher, die in unseren Kirchengemeinden tätig sind. Sie sind Türöffner, Wegbegleiterinnen, Kontaktpersonen für alle Altersklassen: in Seniorenkreisen, Kindergottesdiensten, Besuchskreisen, offenen Kirchen, im Gottesdienst, in der Verteilung der Gemeindebriefe und in noch vielem mehr.

 

Als Kirche sind sie unser größter Schatz, weil durch sie deutlich wird, dass der Heilige Geist weiterhin uns als Christinnen und Christen miteinander verbindet und uns auch dazu beruft, nacheinander zu schauen.

 

Und auch Sie einlädt, sich verbinden zu lassen! An diesem Pfingsten wollen wir also Hände reichen und einladen.

 

Du bist nicht die oder der Einzige mit diesem Gefühl! Wir alle arbeiten zusammen daran, Einsamkeit zu bekämpfen. Egal in welcher Form! Zusammen schaffen wir das! Denn wie heißt es schon in der Bibel? Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.

Leroy Pfannkuchen ist Pfarrer im Nachbarschaftsraum Evangelische Kirche in den Auen

Martha und der Drache

von Friedrich Fuchs

für den 1. Juni 2025

Pfarrer Friedrich Fuchs. © Daniel Lijovic
Pfarrer Friedrich Fuchs. © Daniel Lijovic

In der südfranzösischen Stadt Tarascon wird jedes Jahr ein großes Stadtfest gefeiert. Höhepunkt ist der Umzug, bei dem die Nachbildung eines Drachens durch die Straßen gefahren wird. Das hat folgenden Grund: Als in der Mitte des ersten Jahrhunderts die Christen im Heiligen Land verfolgt wurden, musste auch Martha fliehen. Sie hatte zum Freundeskreis Jesu gehört. Mit Freundinnen und Gefährten bestieg sie ein Schiffchen und fuhr auf dem Mittelmeer an Italien vorbei bis nach Marseille. Hier stieg sie an Land und gründete ein Kloster.

 

In den Wäldern zwischen Avignon und Arles lebte ein Drache namens Tarasque. Der fraß Bauern und gelegentlich eine frische Jungfrau oder einen hübschen Knaben. Das war den Leuten ziemlich lästig. Eines Tages kam Martha in diese Gegend und erfuhr davon. Unverzüglich ging sie zur Drachenhöhle, hielt dem Drachen ein Kreuz hin, besprengte ihn mit Weihwasser und redete ihm höchst wortreich zu. Das hatte Wirkung. Betroffen erklärte der Drache, er werde seine Ernährung umstellen und auf Menschenverzehr verzichten. Martha freute sich. Dem Drachen wars recht.

 

Damit nun die Menschen von dieser schönen Wendung erfuhren, begab sich Martha in die nächste Stadt. Das war Tarascon. Den freundlich gewordenen Drachen führte sie an einer Schnur hinter sich her. Auf dem Marktplatz machte sie halt. Als reichlich Leute und Gaffer beisammen waren, rief sie: Fürchtet euch nicht! Seht den Drachen an: Er hat sich geändert! Er, der früher Menschen fraß und Leid brachte, wird das von nun an nicht mehr tun. Lasst ihn bei euch wohnen! Nehmt ihn auf in eure Gemeinschaft! Die Leute trauten der heiligen Frau aber nicht. Sie stürzten sich auf den Drachen, schlugen ihn tot und rissen ihn in Stücke. Die warfen sie in den Fluss Rhone. Martha wurde darüber sehr traurig und starb kurze Zeit später. Ihre irdischen Reste befinden sich heute in der Kirche Sainte-Marthe in Tarascon. Ein angesagtes Pilgerziel sind sie längst nicht mehr.

 

Neulich standen wir wieder einmal bei Moni zusammen. Da habe ich die Geschichte von Martha und dem Drachen erzählt. Hans meinte: Echt dumm gelaufen! Was hätte nicht alles werden können, wenn der Drache am Leben geblieben wäre. Ich stelle mir vor, wie da irgendwann im Mittelalter ein kleines Mädchen auf das Herdfeuer aufpassen soll. Es schläft ein. Das Feuer erlischt. Aufgewacht rennt das Mädchen zur Mutter: Mutti, Mutti! Nicht schlimm, tröstet die Mutter, lauf zum Drachen. Der speit dir ein neues. Welch eine Perspektive! Hans musste über seine eigenen Einfälle lachen. Denkt euch doch nur mal den Drachen, wie er in einem Garten steht und Gemüse frisst. Oder Blumen. Oder wie er sein Geschäft mitten in der Stadt erledigt.

 

 

Thomas blieb ernst. Nach seiner Einschätzung handelt die Geschichte vom dauernden Konflikt zwischen Risiko und Sicherheit. Hätten die Leute den Worten der heiligen Frau und dem treuen Blick des Drachen vertraut, hätten sie höchstwahrscheinlich manches gewonnen. Sie wollten aber totale Sicherheit. Die haben sie sich gemacht. Das ist doch aktuell. Ob ich mal darüber predigen werde, wollte Moni wissen. Mal sehen. Les Fetes de la Tarasque sind in diesem Jahr vom 27. bis 30. Juni. Da könnte es passen.

Friedrich Fuchs ist Pfarrer in Aulendiebach, Rohrbach und Wolf

Ascension?

von Dr. Detlef Metz

für den 29. Mai 2025 – Himmelfahrt

Pfarrer Dr. Detlef Metz. © Daniel Lijovic
Pfarrer Dr. Detlef Metz. © Daniel Lijovic

Von der durch Polynesier besiedelten Osterinsel mit ihren großen Statuen, den Moais, oder von der durch James Cook entdeckten Weihnachtsinsel haben Sie schon gehört, aber Ascension?

 

Auch Ascension ist eine Insel, im südlichen Atlantik, am Himmelfahrtstag 1502 zunächst von portugiesischen Seefahrern entdeckt. Sie benannten sie mit dem portugiesischen Wort für Himmelfahrt. Später kam die unbewohnte Insel in englischen Besitz, hieß von da ab „Ascension“, Himmelfahrt.

 

Es ist wohl bezeichnend, dass jene Insel oder die Bedeutung ihres Namens kaum bekannt ist. Mit Himmelfahrt lässt sich weniger anfangen als mit dem Kind in der Krippe; es lässt kaum jemanden unberührt. Und Ostern ist selbst für nicht an Christus Glaubende eine schöne Vorstellung: der tote Jesus begegnet seinen Freundinnen und Freunden neu; das Leben siegt über den Tod. Aber Himmelfahrt? Ist das nicht ein Schuss Mythologie zu viel? Und: Kann es ein Grund zur Freude sein, wo sich der auferstandene Jesus den Seinen wieder entzieht? Sie schauen ihm hinterher, würden ihn mit ihren Blicken gerne festhalten, vergebens.

 

Himmelfahrt meint den notwendigen Abschluss des Werkes Jesu: So wie die Bewegung, für die Jesus steht, im Himmel, von Gott ihren Ausgang nahm, so kehrt sie nun zu ihm zurück. Wie bei einer Parabel, die nach ihrem Weg nach unten wieder auf ihre Ausgangshöhe zurückkommt.

 

Aber so wie bei der Parabel die Linie zwar auf die gleiche Höhe, aber doch auf einen anderen, späteren Punkt in der Längsachse trifft, so kehrt auch Jesus nicht mehr so zurück wie er aufbrach. Er kehrt zurück mit seinen Wundmalen, er kehrt zurück mit dem Gepäck, das ihm auf seinem Weg auf Erden aufgeladen wurde: den Menschen, mit denen er sich identifiziert. Er kehrt zurück mit Zachäus, dem Betrüger, bei dem er einkehrte, mit Petrus, der ihn verleugnete und dem er vergab, er kehrt zurück mit Ihnen und mit mir.

 

Uns alle vertritt er bei seinem Vater, unsere Geschichte bringt er vor ihn. In ihm ist unsere Geschichte bei Gott – und wird so heil. In dem zu seinem Vater zurückkehrenden Jesus sind wir schon vertretungsweise bei Gott. Himmelfahrt heißt: Mit Jesus kommt ein Stück Erde in den Himmel, heißt: Gott lässt die Erde, lässt uns gerade nicht los! Und wir dürfen gewiss sein: Die Erde und wir Menschen bleiben nicht so, wie wir sind, es wird eine Vollendung geben, eine „ascension“, die Gott selbst ins Werk setzen wird.

 

Einen guten Himmelfahrtstag.

Dr. Detlef Metz ist Pfarrer der Kirchengemeinden Bobenhausen II, Rainrod und Feldkrücken

Musik – ein Wunder, das bewegt

von Sonja Sternberger

für den 18. Mai 2025

Pfarrerin Sonja Sternberger. © Daniel Lijovic
Pfarrerin Sonja Sternberger. © Daniel Lijovic

Wer hat sie nicht schonmal gespürt: die wundersame Wirkung der Musik. Ein paar Töne eines Liedes reichen, um Erinnerungen an vergangene Erlebnisse oder liebgewonnene Menschen wachzurufen. Beim Sport oder Aufräumen kann sie die nötige Energie liefern, antreiben, sodass man die Anstrengung fast schon vergisst. Und die leisen Töne, gesummt oder gesungen, können einem Kind die Sicherheit schenken, die es braucht, um einschlafen zu können.

 

 

Eine Studie aus Finnland hat kürzlich bestätigt, was wir alle schon oft gespürt haben: Musik hat eine tiefgreifende Wirkung auf unser Gehirn. Sie aktiviert beim Hören dieselben Bereiche, die auch aktiviert werden, wenn wir unser Lieblingsessen essen oder Menschen nahe sind, die wir lieben. Musik kann damit nicht nur Freude bereiten, sie lindert auch Schmerz und reduziert Stress.

 

 

Am Sonntag Kantate (18. Mai) steht die Musik im Mittelpunkt. Sie ist mehr als nur Klang – sie ist Ausdruck unserer Seele, unserer Freude, unserer Trauer und unserer Hoffnung. Musik kann Dinge ausdrücken, für die uns die Worte fehlen. Sie gibt einer inneren Bewegung Raum, die wir vielleicht selbst nicht benennen könnten.

 

 

Genau das macht Musik für mich zu einem Raum, in dem man Gott begegnen kann. Besonders natürlich im Gottesdienst, aber auch im Alltag stolpere ich immer wieder über Melodien, Töne und Texte, bei denen mehr mitschwingt, mehr ist, als das, was im ersten Moment zu hören ist.

 

 

„Singet dem HERRN ein neues Lied, denn er tut Wunder.“ Musik schafft Verbindung – zwischen Menschen, über Sprachgrenzen hinweg, aber auch zwischen Himmel und Erde. Sie war schon immer Teil unserer Gottesbeziehung: Die Psalmen wurden gesungen, Jubel und Klage fanden ihren Ausdruck in Melodien. Wer singt, bringt sein Innerstes vor Gott – manchmal suchend, manchmal dankend, manchmal einfach staunend. Das „neue Lied“, von dem der Psalm spricht, ist mehr als eine musikalische Komposition. Es ist Ausdruck einer lebendigen Beziehung zu Gott, die sich immer wieder erneuert – getragen von dem Vertrauen, dass Gott auch heute noch Wunder tut.

 

 

Vielleicht ist das neue Lied, das wir anstimmen sollen, kein fertiges Lied mit Noten und Text. Vielleicht beginnt es leise in uns – als Mut, wieder Hoffnung zu fassen, als Trost in dunkler Zeit oder als Dank für das Schöne im Leben.

 

 

Lasst uns singen, summen, lauschen – nicht nur an Kantate. Denn Musik verbindet uns mit dem, was größer ist als wir selbst.

Sonja Sternberger ist Pfarrerin der Kirchengemeinde Mockstadt

 

Ein Sommer, der bleibt

von Alexander Wohlfahrt

für den 11. Mai 2025

Pfarrer Alexander Wohlfahrt. © Wohlfahrt
Pfarrer Alexander Wohlfahrt. © Wohlfahrt

Waren Sie am 1. Mai auch unterwegs? Es war ein so sonniger und warmer Tag, fast schon Sommer. Ich hatte den Eindruck, es war alles auf den Beinen, was laufen konnte. Es wäre geradezu ein Frevel gewesen, an diesem schönen Tag zu Hause zu bleiben. Schon morgens wanderten Scharen junger Menschen an meinem Haus vorbei, und nachmittags, zum Beispiel beim Schulhoffest in Bleichenbach, war es brechend voll.

 

Es ist eine einzige Wohltat, durch die Natur zu laufen, den Wald zu riechen und sich am frischen Grün nicht sattsehen zu können. Es ist ein Geschenk, mit anderen wieder in der Sonne zu sitzen, sich zu unterhalten, etwas zu trinken, diesen freien Tag zu genießen, die unbeschreibliche Leichtigkeit des Seins zu erfahren. Wie wundervoll ist diese Zeit nach dem langen, dunklen Winter.

 

„Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden", heißt es im Leitspruch für den kommenden Sonntag. Ja, das sehen, erleben und genießen wir nun allenthalben und sind froh darüber. Denn es tut uns einfach nur gut. Dankbar dürfen wir das alles wahrnehmen.

 

Und doch ist es nicht die ganze Wahrheit. Unser Leben – im Äußeren wie im Inneren – kennt den Winter noch sehr gut, das Dunkle, das Schwere, die Schatten, die Kälte, die Einsamkeit. Sie sind gar nicht fort. Sie haben nur einen willkommenen Gegenpol gefunden. Jetzt halten wir es besser aus – bis der nächste Winter kommt.

 

Auch der Wochenspruch ist noch nicht ganz genannt, die erste Hälfte fehlt noch: „Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“ (2. Korinther 5,17)

 

Es geht gar nicht um den Kreislauf der Natur, um die Schönheit der Schöpfung. Auch wenn uns das alles geschenkt wird, und wir es für uns nutzen dürfen. Es ist nur ein Gleichnis, ein Gleichnis auf das, was durch Christus mit den Christen geschieht. Darum geht es. „Ist jemand in Christus“. Die Betrachtung der Natur als Schöpfung Gottes ermöglicht uns, besser zu verstehen, was Gott durch Christus an denen handelt, die „in Christus“ sind.

 

Um es möglichst einfach zu sagen – und um im Bild zu bleiben –: Es geht um den Sommer in uns, dem kein äußerer oder innerer Winter mehr etwas anhaben kann. Denn der Winter kehrt wieder. Daran ändert der schönste Frühling nichts. Es ist ein ewiger Kreislauf, ein Hin und Her, ein Werden und Vergehen.

 

„In Christus“ ist dieser Kreislauf durchbrochen. Wohl erleben wir noch das Auf und Ab. Noch leben wir in einer Welt, in der der Winter regelmäßig wiederkehrt. Aber dieses Alte wird ganz vergehen. In Christus werden wir in einer Welt leben, in der es ganz und gar, ewig bleibend, wie ein schöner Frühsommertag sein wird: hell, warm, fröhlich, leicht und unbeschwert. Also fast wie am 1. Mai. Nur noch exponentiell viel schöner.

 

Wer darum weiß und darauf hofft, wer „in Christus“ ist, der hat den Sommer bleibend in sich, in seinem Herzen und in seiner Seele. Das ist der eigentliche Gegenpol, der uns jeden Winter ertragen lässt, echte Resilienz und wahrhaftige Stärke, die unser Leben heute schon bleibend anders machen. Denn: Ist jemand in Christus, so ist er eine neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.

Alexander Wohlfahrt ist Pfarrer der Kirchengemeinde Bleichenbach

Esst gemeinsam!

von Reiner Isheim

für den 4. Mai 2025

Pfarrer Reiner Isheim. © Daniel Lijovic
Pfarrer Reiner Isheim. © Daniel Lijovic

Jetzt merken wir nach und nach, wieviel seit den Lockdowns in der Coronazeit verlorengegangen ist. Da ist doch manche Beziehung verlorengegangen. Immer mehr Menschen klagen über Einsamkeit. In der Isolation werden manche Menschen dann auch ganz mutlos.

 

Kann man denn da nichts machen?

 

Manchmal hilft es, sich an Jesus ein Beispiel zu nehmen. Für Christen ist das selbstverständlich. Liest man die Geschichten von ihm und über ihn, fällt da etwas auf: Immer wieder wird da vom gemeinsamen Essen erzählt. Immer wieder sitzt Jesus mit allen möglichen Menschen beim Essen. Mit Freunden, aber auch bei den Pharisäern, die mit ihm oft nicht einverstanden waren.

 

Er setzte sich gern mit allen an einen Tisch. Einmal hat er sich sogar bei einem Zöllner, damals ein betrügerischer Beruf, selbst eingeladen. Auch in seinen Gleichnissen erzählt er oft vom gemeinsamen Essen. Zum Beispiel: Die Geschichte vom verlorenen Sohn endet mit einem Festmahl. Jesus selbst sättigt die Menschen mit Brot, er verwandelt auf der Hochzeit in Kana Wasser in Wein. An seinem letzten Abend isst und trinkt er mit seinen Jüngern und sagt ihnen: „Das tut zu meinem Gedächtnis“.

 

Allen, denen das Beispiel Jesu nicht mehr so wichtig ist, kann man sagen: Auch im Weltglücksbericht 2025 steht: „Gemeinsames Essen hat Einfluss auf das Wohlbefinden. In Ländern, in denen Menschen bei Mittag- und Abendessen traditionell beisammen sind … ist die Zuversicht höher als dort, wo Menschen öfter allein vor ihrem Teller sitzen.“

 

Also, werdet zuversichtlich, esst gemeinsam! Sucht Zeiten am Tag, wo man sich zu einer Mahlzeit zusammensetzen kann. Vergesst auch das Feiern nicht! Überrasch mal eure Lieblingsmenschen mit einem schön gedeckten Tisch und Zeit für das Miteinander, für Genuss und Lebensfreude!

 

Guten Appetit!

Reiner Isheim ist Pfarrer in den evangelischen Kirchengemeinden Nidda, Stornfels, und Ulfa

Ist das gerecht?

von Frank Eckhardt

für den 1. Mai 2025

Pfarrer Frank Eckhardt. ©Daniel Lijovic
Pfarrer Frank Eckhardt. ©Daniel Lijovic

Der 1. Mai erinnert an die Bedeutung der Arbeit für den Menschen. Seinen Lebensunterhalt unter menschlichen Bedingungen selbst verdienen zu können, gehört zur Würde des Menschen.

 

Mit den Maikundgebungen erinnern die Gewerkschaften an die ursprüngliche Bedeutung dieses Feiertages. Es geht um Fragen humaner Arbeitszeiten, gerechter Löhne, die Bekämpfung von Arbeitslosigkeit und um Solidarität.

 

Im Matthäusevangelium findet man ein Gleichnis Jesu, in dem man ähnliche Themen entdecken kann. Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg.

 

Jesus erzählt, dass ein Weinbergbesitzer früh morgens um 6 Uhr auf den Marktplatz ging, um dort Tagelöhner für Arbeiten in seinem Weinberg einzustellen. Er machte mit ihnen einen Denar als Lohn aus. Um 9 Uhr, um 12 Uhr, um 15 Uhr und um 17 Uhr stellte er weitere Arbeiter ein. Letztere hatten bis dahin keine Arbeit gefunden. Am Abend empfingen alle ihren Lohn. Zuerst wurden die zuletzt eingestellten bezahlt und erhielten einen Denar.

 

Da äußerten diejenigen, die lange gearbeitet hatten, ihren Unmut. Sie hätten den ganzen Tag gearbeitet und nur den gleichen Lohn erhalten wie diejenigen, die nur eine Stunde arbeiteten. Der Weinbergbesitzer antwortete einem von ihnen und wies darauf hin, dass man doch einen Denar als Lohn ausgemacht habe, er ihm also kein Unrecht tue und stellte zum Abschluss die Frage, ob er neidisch sei, weil er als Arbeitgeber so gütig ist.

 

Das ist auf den ersten Blick eine ärgerliche Geschichte. Kein Arbeitgeber könnte so handeln. Unser Arbeitsleben ist aufgebaut auf errechneter Leistung. Der Protest derjenigen, die lange gearbeitet haben, spricht aus, was jeder spontan denkt.

 

Nun, der Weinbergbesitzer zahlt allen, was sie zur Sicherung ihrer Existenz brauchen. Ein Denar war der Betrag, den ein Tagelöhner damals verdienen musste, um seine Familie einen Tag zu ernähren. Das lässt sich nicht einfach auf unsere Arbeits- und Wirtschaftswelt übertragen, aber das Gleichnis zeigt eine Richtung. Niemand soll herausfallen, alle sollen bekommen, was sie zum Leben brauchen. Und damit dürfen wir ruhig hier schon anfangen, auch wenn Jesu Gleichnis sich auf das Himmelreich bezieht, in dem Gottes Güte allen gilt und keine Vergeltung kennt.

 

Übrigens, dass man am „Tag der Arbeit“ nicht arbeitet, hat seinen Sinn. Arbeit ist erst dann menschlich, wenn man die Möglichkeit hat, diese auch einmal niederzulegen, um aufzuatmen.

Frank Eckhardt ist Pfarrer der Kirchengemeinden Breungeshain, Busenborn und Michelbach

Das Schwere wird leicht, das Dunkle hell

von Birgit Hamrich

für den 20. April – Ostern

Dekanin Birgit Hamrich. ©Daniel Lijovic
Dekanin Birgit Hamrich. ©Daniel Lijovic

Das Schwere wird leicht und beflügelnd, das Dunkle wird hell. Diese radikale Veränderung ist es, was Ostern uns jedes Jahr aufs Neue zeigt.

 

So beginnt es: In Jerusalem ist Frühling und für einige Menschen nimmt die Gegenwart eine überraschende Wendung. Die Freunde Jesu haben aufregende und verstörende Tage erlebt, die von Jubel und Unruhen geprägt waren. Der Palmsonntag war ein Fest des Triumphes, doch der Gründonnerstag bringt schon eine andere Stimmung mit sich – ein Festessen und eine bleierne Müdigkeit, die sich über alle legt. Ein Kuss im Garten, der alles verrät, und die drohende Gefahr führen in eine Welt, die zu zerreißen scheint – wie der Vorhang im Tempel während der Kreuzigung Jesu. So berichtet es die Bibel im Matthäusevangelium.

 

Inmitten dieser tiefen Gottverlassenheit geschieht etwas Unerwartetes: Das Grab, in das sie Jesu Leichnam gebettet haben, ist leer. Die Frauen, die diese Entdeckung machen, sind aufgeregt und verwirrt. Geschwätz? Gerüchte? Verdrehte Fakten?

 

Die Jünger entscheiden sich, in ihren Alltag zurückzukehren. Dorthin wo alles vertraut ist, wo jeder Handgriff bekannt ist. Es ist gut, Routinen zu haben, an denen man sich festhalten kann, während die Gedanken kreisen.

 

Und dann, so erzählt der Evangelist Lukas, ist einer da, der den Weg in den Alltag mitgeht. Dieser Fremde hört zu, stellt Fragen und hält die Klagen, Zweifel und Enttäuschungen aus und sie beginnen von ihrem Schmerz zu erzählen. Zuerst widerstrebend und verärgert, doch dann sprudelt es aus ihnen heraus und sie bitten den Fremden: „Bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt.“

 

Auf dem Tisch stehen Brot und Wein. Und während der Fremde das Brot in seine Hände nimmt, ein Dankgebet spricht, erkennen sie: Diese Hände haben Kranke berührt, Kinder gesegnet und Frauen zurück ins Leben geführt. Jesus lebt! Das Schwere wird auf einmal leicht und beflügelnd, das Dunkle hell. Stehenden Fußes kehren sie um und laufen durch die Nacht zurück nach Jerusalem zu ihren Freunden.

 

Alle sind da: Petrus mit zitternden Knien, Maria mit strahlenden Augen und Thomas, der dem Ganzen nicht traut und erst glauben will, wenn er den Auferstandenen selbst berührt. Sie erinnern sich: So wie er hat niemand von Gottes neuer Welt gesprochen. In all der Zerrissenheit und Unruhe hat er Hoffnung aufgezeigt.

 

Der Osterglaube ist wie ein Weg. Wer sich darauf einlässt, erlebt, wie innerer Friede und Hoffnung diesen Weg mitgehen.

Birgit Hamrich ist Pfarrerin und Dekanin des Evangelischen Dekanats Büdinger Land

„Also hat Gott die Welt geliebt…“

von Hanne Allmansberger

für den 18. April 2025 – Karfreitag

Pfarrerin Hanne Allmansberger. ©Daniel Lijovic
Pfarrerin Hanne Allmansberger. ©Daniel Lijovic

Karfreitag ist der höchste Feiertag für evangelische Christen. Allerdings ist das nicht unbedingt am Kirchenbesuch ablesbar. Da wäre es sicher ökumenisch übereinstimmend Heilig Abend. Inhaltlich allerdings gäbe es das Weihnachtsfest nicht ohne Ostern und Ostern nicht ohne Karfreitag. In unserem Leben schauen wir aber lieber auf das neugeborene Kind in der Krippe als auf den am Kreuz sterbenden Christus. Tod und Sterben sind die Themen, die wir lieber verdrängen und bestenfalls wegschauen.

 

Im Gottesdienst am Karfreitag wird der Leidensweg Jesu am Kreuz aber in den Mittelpunkt gestellt. Gerade haben wir vom Kirchenchor Nidda beim Familienmusical „Es ist vollbracht“ von Thomas Riegler in der Stadtkirche Nidda und in der Kirche in Gedern das Geschehen von Palmsonntag über Gründonnerstag, Karfreitag, Karsamstag und Ostern mitgesungen. Es schwingt noch nach. Ob Gott in Leid und Tod gegenwärtig ist, hat Jesus am Kreuz gefragt: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

 

Aber ohne das Geschehen am Kreuz wären wir Menschen in Leid und Tod tatsächlich allein. Gott wurde Mensch. Das zeigt sich an Weihnachten, es wird aber noch deutlicher, was es bedeutet für uns, an Karfreitag.

 

Jesus hat als Mensch das Leid, die Schmerzen und einen grausamen Tod erlitten. Täglich sterben Menschen und können sich in Jesus erkennen als dem Gott, der mit uns geht bis zum Ende. Karfreitag ist aber ohne Ostern nicht zu verstehen. Gott hat seine Botschaft durch die Auferweckung Jesu von den Toten klar gemacht. Die Frauen am Grab, die Jünger, erst konnten sie nichts verstehen. Ohne Ostern keine Kirche Jesu Christi. Aber ohne Karfreitag kein Ostern.

 

An Karfreitag feiern wir in der Stadtkirche Nidda die Liturgie schlichter, erst noch gibt es Orgelmusik und Kerzen, dann werden die Kerzen gelöscht, der Altar wird leergeräumt, ein Kreuz mit Drahtgitter umwickelt steht leer vor Augen. Diese Besonderheiten der Gestaltung helfen der versammelten Gemeinde, sich dem Thema des Karfreitags zu stellen, bevor nach dem Tag der Grabesruhe am Karsamstag dann am Ostermorgen wieder volles Geläut erklingt und mit allem, was musikalisch möglich ist, das Leben neu besungen wird. Das Kreuz mit Drahtgitter wird mit grünen Zweigen geschmückt und mit Blumen bunt.

 

„Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“ So heißt es im Tagesspruch aus dem Johannesevangelium, Kapitel 3, Vers 16.

Hanne Allmansberger ist Pfarrerin der Kirchengemeinde Nidda

Stell dir vor, Gott kommt in unser Leben ...

von Ulrich Bauersfeld

für den 13. April 2025

Pfarrer Ulrich Bauersfeld. ©Daniel Lijovic
Pfarrer Ulrich Bauersfeld. ©Daniel Lijovic

Stell dir vor, Gott will uns besuchen und kommt auf die Erde. Wie wird er das wohl machen?

 

Kommt er, um seine Größe zu demonstrieren, im größtmöglichen Flugzeug seiner Airline daher? Oder fliegt er, um seinen unermesslichen Reichtum zu zeigen, erst einmal mit der Rakete zum Mars und wieder zurück? Oder lässt er, um seinen Machtwillen zu unterstreichen, zunächst alle möglichen Konkurrenten verhaften? Oder kauft er, um garantiert der einzige Influencer zu sein, sämtliche digitale Medien auf und sendet ab sofort nur noch seine eigenen Programme?

 

Stell dir vor, Gott kommt zu uns, in unser Leben. Wie wird er das wohl machen?

 

Vor 2000 Jahren ist er schon einmal gekommen. Zumindest glauben wir Christen daran: In Jesus kam Gott in die Welt. Doch er kam nicht, indem er seine Größe, seinen Reichtum und seine Macht demonstrierte oder indem er die Menschen mit aller Gewalt auf seine Seite ziehen wollte. Er kam und lebte ganz anders.

 

In der Woche vor Ostern wird uns dies in einer konkreten Geschichte vor Augen gemalt. Am Palmsonntag ist Jesus nach Jerusalem gekommen und in die Stadt eingezogen. Die Menschen haben ihn mit Palmzweigen begrüßt. Daher nennen wir den Tag Palmsonntag.

 

Doch dieser Einzug Jesu in die Stadt war ziemlich merkwürdig. Jesus ritt auf einem Esel. Dies widersprach so ziemlich allen Erwartungen, welche die Leute an den kommenden Messias hatten. Beeindruckend sollte er sein und schnellstmöglich mit allem aufräumen, was gegen das Reich Gottes auf Erden stehen könnte.

 

Das hat er nicht gemacht. Er kam als Reiter auf einem Esel – alles andere als ein Machtsymbol. Er kam friedlich, ja, nahezu wehrlos. Und am Ende der Woche haben seine Gegner ihn dann auch tatsächlich umgebracht.

 

Dabei ist es aber nicht geblieben. Zwei Tage später erleben seine Jüngerinnen und Jünger: Gott hat ihn vom Tod auferweckt! Er ist stärker als alles – auch als der Tod.

 

Er ist stärker. Und doch kommt er zu den Menschen nicht, indem er seine Macht demonstriert. Er kommt oft sehr leise, auch heute noch. Er kommt zu uns – in unsere Gedanken oder durch Worte und Taten anderer Menschen. Er kommt meist auf stille, wehrlose Weise. Er will uns nicht mit aller Gewalt überzeugen, sondern einladen zu einem Leben mit ihm. Er tut dies mit offenen Händen und ausgebreiteten Armen.

Ulrich Bauersfeld ist Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Wenings/Merkenfritz und stellvertretender Dekan

Durch die Liebe Jesu sind wir eins

von Tanja Langer

für den 6. April 2025

Pfarrerin Tanja Langer. ©Daniel Lijovic
Pfarrerin Tanja Langer. ©Daniel Lijovic

Es geht auf Ostern zu und das heißt für uns Pfarrpersonen, dass auch die Konfirmationen nicht mehr fern sind und somit die Vorstellungsgottesdienste bevorstehen. Immer eine sehr dichte und aufregende Zeit für den jeweiligen Jahrgang.

 

Vor Kurzem waren wir zur Konfi-Freizeit in Wiesbaden und haben zum Thema Ökumene gearbeitet. Sich auf das besinnen, was uns eint, wird uns helfen, in die Zukunft zu gehen.

 

Wir haben unter anderem einen traditionellen Aschermittwochsgottesdienst auf Englisch in der Anglikanischen Kirche gefeiert. Dort bekommt man ein Kreuz auf die Stirn aus Asche, die durch das Verbrennen von Palmblättern entstand.

 

In der Russisch-Orthodoxen Kirche auf dem Neroberg haben wir gelernt, dass man beim mehrstündigen Gottesdienst aus Respekt steht. Kirchenbänke gibt es nicht. Dafür kann man kommen und gehen, wie man will. Die Konfis waren überrascht, weil die Kirche von Adolf von Nassau als Grabeskirche für seine verstorbene junge Frau gebaut wurde.

 

Natürlich waren wir auch in der sehr beeindruckenden Lutherkirche. Groß und reich verziert – wir kamen kaum aus dem Staunen raus. Dort wurde erst vor Kurzem unsere neue Kirchenpräsidentin in ihr Amt eingeführt.

 

Mit all den Eindrücken im Gepäck und jeder Menge Material aus den Konfitagen haben unsere 27 Konfirmandinnen und Konfirmanden aus acht Gemeinden unseres Nachbarschaftsraums „Evangelische Kirchen am Limes“ einen Vorstellungsgottesdienst vorbereitet.

 

Es gibt Jahrgänge, da läuft das alles schleppend und die richtige Muse fehlt. Das können wir für diese Gruppe allerdings nicht behaupten. Der Gottesdienst wird bunt und vielfältig und ist geprägt von einem guten Teamgeist. Diese Jugendlichen haben verstanden, worauf es im christlichen Glauben ankommt und das zeigen sie uns in ihren selbst formulierten Gebeten, Glaubensbekenntnissen und sie erzählen uns im Predigtteil, was Kirche für sie bedeutet.

 

Über allem steht das Lied „Strahlen brechen viele“ aus dem Gesangbuch. Und so empfinde ich es auch: „Strahlen brechen viele aus einem Licht, unser Licht heißt Christus und wir sind eins durch ihn.“ Trotz Unterschiedlichkeit in Gaben und Talenten, durch die Liebe Jesu sind wir eins. Wie wunderbar, dass wir Pfarrpersonen uns jedes Jahr neu auf den Weg machen dürfen mit jungen Menschen, die mit uns den Glauben leben und erleben wollen.

Tanja Langer ist Pfarrerin in Eckartshausen

Wahre Größe

von Michael Kuhnke

für den 23. März 2025

Pfarrer Michael Kuhnke. ©Daniel Lijovic
Pfarrer Michael Kuhnke. ©Daniel Lijovic

In einer Geschichte heißt es: Während des ersten Semesters meines Studiums erfuhr ich in einem Seminar, dass man im heißen Wüstensand Ägyptens einen kleinen Papyrusfetzen gefunden hatte, auf dem nur ein Satz stand. „Wer der Größte unter euch sein will, der sei aller Diener.“ Unser Professor nahm an dieser Stelle seine Brille ab, schaute uns nachdenklich, aber sehr freundlich an und erklärte nach einer kurzen Pause: „Wenn es von dem ganzen neuen Testament nur dieses eine Wort Jesu gäbe, wäre das für mich ausreichender Anlass, um entweder Christ zu werden oder zu bleiben.

 

Wer will heute nicht groß sein? Viele politische Führer wollen groß sein. Völker wollen groß sein. Es hat ein gnadenloser Wettbewerb um Größe eingesetzt. Und nur allzu gerne berufen sich die „großen“ Führer dieser Welt auf Jesus Christus. Das ist aber genau das Gegenteil von dem, was Jesus gelehrt hat. Jesus hat nicht Größe oder Großartigkeit gelehrt.

 

Jesus erkennt ganz klar, wie es um die politischen und militärischen Verhältnisse dieser Welt bestellt ist. Die Großen, die Mächtigen tun ihren Mitmenschen Gewalt an. Das war so und das ist vielfach immer noch so. Mit seinem Weg ist das nicht vereinbar. Sein Weg ist der Weg des Kleinen, des Dienens, des Dienerseins. Wo Menschen diesen Weg gehen, ist wahre Kirche.

 

Wahre Kirche ist dann: In der Seelsorge andere zu trösten und aufzurichten, gemeinsam Gottesdienst zu feiern mit Prädikanten und Pfarrerinnen, mit Kindern den Kindergottesdienst fröhlich zu gestalten, im Kirchenvorstand Beschlüsse zum Wohle der Gemeinde zu fassen, die Frauen- und Seniorenkreise zu unterstützen, den Besuchsdienst aufzubauen, die Armen zu speisen, den Kindern in Kita, Schule und Konfiunterricht von der Liebe Gottes zu erzählen, die Partnerschaften zwischen den Gemeinden und Kirchen zu stärken, in Krankenhäusern und Seniorenheimen für andere da zu sein und vieles mehr.

 

Freilich: Alle unsere Kräfte sind endlich, darum sollen diese Kräfte jetzt in Nachbarschaftsräumen gebündelt werden. Unser Nachbarschaftsraum heißt jetzt: Evangelische Kirche zwischen Nidder und Bracht. Dabei sind auch viele Verwaltungsabläufe neu zu organisieren. Wo dies zum Wohle der Menschen geschieht, ist dies zu begrüßen. Die Verwaltung ist aber kein Selbstzweck. Die Akten sind zweitrangig. Wo Verwaltungsvorschriften unsinnig sind, wo sie uns gar an unserem Dienersein hindern, sind sie von Übel und zu beseitigen. Die Kirche darf den Auftrag Jesu Christi nicht vergessen, sondern sie darf ihn leben: „Wer der Größte unter euch sein will, der sei aller Diener.“

Michael Kuhnke ist Pfarrer im Seemental

Was trägt im Leben? – Gedanken zu Fastenzeit

von Alexander Starck

für den 16. März 2025

Pfarrer Alexander Starck. ©Daniel Lijovic
Pfarrer Alexander Starck. ©Daniel Lijovic

„Was gibt mir Hoffnung?“ Diese Woche waren wir mit einer großen Gruppe von Konfirmandinnen und Konfirmanden in Fulda. Wir haben Vorstellungsgottesdienste vorbereitet und konnten die Stadt etwas erkunden. Bei der Besichtigung der katholischen Stadtpfarrkirche St. Blasius stach das Fastentuch ins Auge: Ganz schlicht in Lila gehalten, lenkt es die Blicke auf sich, während es den reich verzierten barocken Altar verdeckt. „Was gibt mir Hoffnung?“ steht in großen Buchstaben darauf.

 

Das Motto der evangelischen Fastenaktion „7-Wochen-ohne“ lautet in diesem Jahr „Luft holen – 7 Wochen ohne Panik!“. Schrittweise werden wir eingeladen uns der Frage zu nähern, was uns im Leben trägt.

 

Beide Aktionen laden dazu ein, sich zu besinnen auf Werte, die mir etwas im Leben bedeuten. Das ist manchmal gar nicht so einfach, weil der Alltag mit seinen kleinen und großen Herausforderungen bewältigt werden muss oder weil immer wieder Nachrichten von größeren und kleineren Krisen auf einen einströmen.

 

Der Wochenspruch für die kommende Woche lässt einen Hoffnungsschimmer in der Passionszeit aufkeimen: „Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ (Römer 5,8)

 

Was gibt mir Hoffnung? Was trägt mich im Leben? Paulus Antwort darauf ist die Liebe Gottes, die so ganz ohne Vorbehalte uns entgegengebracht wird. Gott liebt uns Menschen, er kennt unsere Schwächen, er weiß, dass wir niemals ganz ohne Fehler sein werden … Aber er hat uns Jesus Christus, seinen Sohn, geschenkt, um uns mit ihm zu versöhnen.

 

Auf diese Weise kittet Gott die Beziehung zwischen uns Menschen und ihm von sich aus. Er tut es, weil wir für ihn wertvoll sind, und er knüpft das auch nicht an irgendwelche Bedingungen. Wir müssen nichts dafür tun, uns diese Gnade nicht erarbeiten. Wir bekommen sie geschenkt.

 

Ich finde, das verändert auch die eigene Haltung: Für Gott bin ich besonders – auch, wenn ich selbst vielleicht das Gefühl habe, nicht gut genug zu sein und nichts Besonderes zu leisten oder wenn ich Fehler gemacht habe. Der Wochenspruch macht klar: Gott liebt dich ohne jede Voraussetzung, so wie du bist! Diese Erkenntnis gibt mir Hoffnung. 

Alexander Starck, Pfarrer im Nachbarschaftsraum Niddaer Land

Gott begegnet uns oft unerwartet

von Tobias Vonderlehr

für den 9. März 2025

Vikar Tobias Vonderlehr. ©Daniel Lijovic
Vikar Tobias Vonderlehr. ©Daniel Lijovic

Ich erinnere mich an eine Nacht, in der ich völlig am Ende war. Meine Gedanken kreisten, immer dunkler, immer schneller. Angst machte mich atemlos. Ich fühlte mich schuldig, überfordert, allein. Worte halfen nicht.

 

Dann fiel mir ein Psalmvers ein: „Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören.“ (Psalm 91,15) Vielleicht war es eine Kindheitserinnerung, vielleicht genau das, was ich brauchte. Also rief ich Gott an. Stammelte, betete. „Gott, wenn du da bist, dann hilf mir!“

 

Ich erwartete keine Wunder, aber etwas veränderte sich. Kein Blitz vom Himmel, sondern ein Hauch von Frieden. Ich spürte eine Gewissheit: Ich war nicht allein. Mein Schmerz war nicht unsichtbar.

 

Die Passionszeit beginnt – eine Zeit des Hinschauens, auch auf unser eigenes Leiden. Warum ist es so schwer, Leid zu akzeptieren? Weil wir stark sein wollen? Weil wir glauben, alles allein schaffen zu müssen? Doch selbst Jesus kannte Angst, Not, Verlassenheit. Am Kreuz rief er: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ (Mt 27,46) Wenn selbst er diese Not erlebte, warum sollte ich mich schämen?

 

Ich erinnere mich an eine alte Frau aus der Gemeinde. Als ich sie besuchte, fragte ich beiläufig: „Wie geht es Ihnen?“ Sie lächelte müde und sagte: „Es gibt Tage, da frage ich mich, warum ich noch hier bin.“ Diese Ehrlichkeit traf mich. Sie, die immer für andere da war, kämpfte mit denselben Fragen, die auch mich umtrieben. „Und was tun Sie dann?“, fragte ich. „Ich rufe IHN an“, sagte sie. „Manchmal laut, manchmal nur in Gedanken. Und dann geschieht etwas – ein Anruf, ein Lied im Radio, eine kleine Geste. Dann weiß ich: ER hat mich gehört.“

 

Gott begegnet uns oft unerwartet – durch Menschen, durch Worte, durch stille Gewissheit. Ich verstehe nicht, warum manche Gebete unerhört bleiben oder manche Wege dunkel bleiben. Aber ich glaube, dass Gott uns gerade in der Not begegnet.

 

Vielleicht wird nicht alles sofort gut. Aber es gibt Hoffnung. Und vielleicht ist das genug.

 

Ich weiß nicht, welche Not du trägst. Vielleicht kämpfst du mit Ängsten oder Einsamkeit, mit Schuld oder dem Gefühl, nicht verstanden zu werden. Aber ich glaube: Gott hört dich. Sprich mit ihm – nicht perfekt, sondern so, wie du bist.

 

„Er ruft mich an, darum will ich ihn erhören; ich bin bei ihm in der Not.“ Diese Zusage gilt – auch für dich. Jetzt.

Tobias Vonderlehr ist Vikar in der Kirchengemeinde Gedern im Nachbarschaftsraum der Evangelische Kirche zwischen Nidder und Bracht

„wunderbar geschaffen!“

von Elisabeth Engler-Starck

für den 2. März 2025

Elisabeth Engler-Starck. ©Daniel Lijovic
Elisabeth Engler-Starck. ©Daniel Lijovic

„Ich danke dir, dass ich wunderbar geschaffen bin“ – so steht es in Psalm 139,14. „Ich bin wunderbar geschaffen!“ – das ist nicht unbedingt immer das erste, das einem in den Sinn kommt, wenn man vorm Spiegel steht oder auf das eigene Leben und die eigenen Handlungen schaut. Aber „wunderbar“, das heißt nicht „perfekt“. „Wunderbar“ betont die Einzigartigkeit eines jeden von uns: Ich bin Ich, egal ob ich meinen eigenen Wünschen oder den Vorstellungen anderer 100-prozentig entspreche. Ich darf ich sein.

 

„wunderbar geschaffen!“ – das ist auch das Motto des diesjährigen Weltgebetstags. Nächsten Freitag werden wieder Christinnen und auch Christen verstreut über die ganze Welt und doch miteinander verbunden den Weltgebetstag feiern.

 

Die Liturgie zu diesem besonderen Gottesdienst wird jedes Jahr von Frauen aus einem bestimmten Land erarbeitet. Für dieses Jahr laden Christinnen von den Cook-Inseln ein, mit ihren Texten und Liedern zu feiern.

 

Die Cook-Inseln mitten im Südpazifik: paradiesische Strände, glasklares Wasser. Der perfekte Ort, um die Schöpfung zu feiern – eben „wunderbar geschaffen“.

 

Ein Teil dieser wunderbaren Schöpfung ist bedroht: Die Atolle und Korallenriffe rund um die Inseln leiden unter Klimawandel und Tiefseebergbau. Und auch andere Probleme machen nicht Halt vor dem auf den ersten Blick paradiesischen Ort: Häusliche und sexualisierte Gewalt gegen Frauen und Mädchen ist ein drängendes Thema, gesundheitliche Probleme durch starkes Übergewicht vieler Menschen weit verbreitet und gerade die jüngeren Generationen zieht es zum Arbeiten in die Ferne, Kinder werden von Großeltern und anderen Verwandten aufgezogen, weil die Eltern z.B. in Neuseeland arbeiten.

 

Und dennoch: Die Weltsicht auf die Welt der Insulaner*innen und damit auch die Texte und Lieder zum Weltgebetstag strotz vor positiver Energie. Ein Stolz auf ihre Kultur und Sprache, die in der Kolonialzeit unterdrückt waren, schwingt mit. Sie sind sich bewusst: Sie sind „wunderbar geschaffen“!

 

„Ich danke dir, dass ich wunderbar geschaffen bin!“ – der Ausdruck des Dankes macht auch deutlich: Nicht ich mache mich wunderbar, es liegt nicht in meiner Zuständigkeit und Verantwortung. Ich bin von Gott angenommen, so wie ich bin. Auch diese Erkenntnis birgt viel positiven Energie. Probieren Sie es mal aus, sprechen Sie den Vers aus Psalm 139 laut aus, zuhause, im Gebet – oder in einem Weltgebetstagsgottesdienst in der nächsten Woche.

Elisabeth Engler-Starck ist Referentin für Ökumene im Evangelischen Dekanat Büdinger Land

Welt – Kirche

von Leroy Pfannkuchen

für den 26. Januar 2025

Pfarrer Leroy Pfannkuchen. ©Daniel Lijovic
Pfarrer Leroy Pfannkuchen. ©Daniel Lijovic

Wann immer ich die Möglichkeit habe, besuche ich gerne andere Kirchen und Kirchengemeinden. Egal ob das nun im Ausland oder hier in der Region ist. Nicht nur, weil eine Kirche schon im Nachbarort so unterschiedlich zur eigenen Kirche sein kann, sondern weil jede Kirche und Kirchengemeinde an sich unterschiedlicher nicht sein können.

 

Doch das allein finde ich noch gar nicht so spannend. Spannend wird es für mich immer dann, wenn diese Unterschiede zu Einem zusammenkommen: zu einem Gottesdienst, einer gemeinsamen Veranstaltung, einem Gemeinsam-Sein.

 

Denn dann wird klar, was es bedeutet, wenn wir als Christinnen und Christen von der „lebendigen Vielfalt“ oder dem „Regenbogen“ der Gemeinschaft Gottes sprechen. Eine Gemeinschaft, die überall auf der Welt mit unterschiedlichen Worten und Erfahrungen ein Vater Unser betet, die aus einer gemeinsamen Schrift liest und sich einem gemeinsamen Gott anvertraut.

 

Diese Gemeinschaft, im Großen, wie im Kleinen, lässt uns einerseits deutlich spüren: Wir sind nicht allein! Sie macht uns aber auch deutlich: Wir sind Kirche in der Welt!

 

Das ist besonders wichtig, wenn wir darauf schauen, was nur allein in dieser Woche wieder geschehen ist: Mit der Amtseinführung in den USA steht wieder ein Präsident an der Spitze der freien Welt, der nicht nur Menschenrechte mit Füßen tritt, sondern auch offen zur Annexion alliierter Staaten aufruft. In Deutschland wurde die Welt vieler Menschen in Aschaffenburg grundlegend erschüttert.

 

Beides existiert: Leiden vor Ort und Herausforderungen in der Ferne.

 

Doch an beiden Orten leben Christinnen und Christen: Menschen, die auf einen Gott vertrauen, der den Menschen im tiefsten Schmerz beiwohnt, der Gewalt verabscheut und Frieden schaffen will. Menschen, die an einen Erlöser glauben, der sich zur Befreiung aller Menschen selbst geopfert hat. Menschen, die gemeinsam in einem Geist verbunden sind, der überall wirken kann und will, Licht in Dunkelheit schenkt und uns wissen lässt: Selbst auf die dunkelste Nacht folgt ein neuer Morgen!

 

Wir sind eine Kirche. Wir glauben an einen Gott. Gemeinsam reichen unsere Hände auch an die entlegensten Orte. Denn das ist unser Auftrag als Kirche, als Gemeinschaft aller Christinnen und Christen. Hoffnung zu säen, Nächstenliebe zu leben, Frieden zu stiften, Trauernde zu trösten und uns immer wieder auch in unseren Kirchen hier vor Ort bewusst zu machen: Auch wenn es sich in unseren Kirchen, Dörfern, Ländern und Herzen anfühlen mag, als wäre alle Hoffnung verloren und die Welt ein düsterer Ort, reichen Andere uns die Hände und stützen uns. Denn das ist es, was Gott uns geschenkt hat: Brüder und Schwestern, die uns beistehen und mit uns einstehen.

 

Denn das ist es, was uns als Gemeinschaft stark macht. Dass nicht einer oder eine sich allein als Lichtspender gegen die Dunkelheit behaupten muss. Sondern dass wir alle selbst mit den kleinsten Lichtern gemeinsam einen Sonnenaufgang in den Nachthimmel zaubern können.

Leroy Pfannkuchen ist Pfarrer der Kirchengemeinden Blofeld, Dauernheim und Ranstadt

Frieden aus der Ewigkeit

von Ulrich Bauersfeld

für den 12. Januar 2025

Pfarrer Ulrich Bauersfeld. ©Daniel Lijovic
Pfarrer Ulrich Bauersfeld. ©Daniel Lijovic

Wenn Sie diese Zeilen vermutlich lesen, haben wir den 10., 11. oder 12. Januar 2025. Geschrieben hatte ich den Text jedoch schon einige Tage vorher, um ihn rechtzeitig einschicken zu können. Das ist ein Risiko. Es könnte sein, dass in der Zwischenzeit Dinge geschehen, die alles, was bisher gewesen ist, auf den Kopf stellen. Das haben wir schon mehrfach erlebt. Es kann sein, dass Worte, die wir gestern gesagt haben, morgen schon in einem anderen Licht dastehen.

 

Es kann sein, dass Menschen gestern noch im Frieden lebten – im Frieden mit ihren Mitmenschen, mit ihren Nachbarländern, mit der Natur. Doch kurze Zeit später ist auf einmal alles ganz anders geworden. Ein Anschlag. Der Beginn eines Krieges. Eine Naturkatastrophe. Ich weiß heute nicht, was in drei Tagen in dieser Welt los sein wird.

 

In den Herrnhuter Losungen stehen für den 11. Januar zwei Sätze aus der Bibel: „Ich will mit ihnen einen Bund des Friedens schließen, der soll ein ewiger Bund mit ihnen sein.“ (Hesekiel 37,26) und: „Gnade sei mit euch und Friede von dem, der da ist und der da war und der da kommt.“ (Offenbarung 1,4)

 

Der erste Satz steht am Ende eines Kapitels, in dem der Prophet Hesekiel durch eine Vision von Gott gezeigt bekommt, wie in tote Gebeine neues Leben strömt. Gott verspricht seinem Volk einen Bund des Lebens und des Friedens, der nie enden wird. Der zweite Satz stammt aus den ersten Versen der Offenbarung. Der Seher Johannes schaut viele beeindruckende Visionen, deren Thema vor allem eins ist: Das letzte Wort werden nicht die Katastrophen und Kriege haben. Das letzte Wort wird Jesus Christus haben, der einmal alles Leid beenden wird und der denen ewiges Leben schenkt, die es wagen, ihm zu vertrauen.

 

In unserer Welt kann sich vieles von heute auf morgen ändern. Gott bietet uns in Jesus Christus einen ewigen Bund des Friedens an, der sich nicht ändert. Dieser Frieden kann auch jetzt schon in unsere Leben hineinkommen. Er kann unsere Herzen erfüllen und uns die Kraft geben, nach Gottes Willen zu handeln. Dieser Frieden ist jetzt schon Realität, wenn wir uns Jesus Christus und seinem Geist öffnen.

 

Dies wünsche ich uns für das neue Jahr: Dass Jesu Frieden in uns einzieht und wir ihn weitergeben, wo es uns möglich ist. Ich wünsche uns Gottes Frieden, der in der Ewigkeit festgemacht ist und den nichts in dieser Welt beenden kann.

Ulrich Bauersfeld ist Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Wenings/Merkenfritz und stellvertretender Dekan im Dekanat Büdinger Land

365 Gelegenheiten, anders weiterzumachen

von Tanja Langer

für den 5. Januar

Pfarrerin Tanja Langer. ©Daniel Lijovic
Pfarrerin Tanja Langer. ©Daniel Lijovic

Vor einigen Jahren war ich in einer Grundschule als Schulbegleiterin eines Jungen eingesetzt, der Unterstützung in seinem Schulalltag brauchte. Er war in der zweiten Klasse und in Sachkunde wurde das Thema „Wald“ behandelt. Die Klassenlehrerin war sehr kreativ und verstand es, den Kindern diesen wichtigen Lebensraum mit allen Sinnen näherzubringen.

 

In einer Hausaufgabe sollten die Kinder Stichpunkte sammeln darüber, was man in einem Wald NICHT tun sollte oder darf. Die Hände gingen in die Höhe und wir sammelten Punkte wie keinen Müll hinwerfen, auf den Wegen bleiben, kein Feuer anzünden, keinen Lärm machen, der die Tiere erschreckt, und vieles mehr. Ein Junge wurde von allen immer „der Professor“ genannt.

 

Er war sehr wissbegierig und las sehr viel und er wusste eben auch sehr viel. Er meldete sich und sagte mit ganz ernstem Gesicht: „Man darf auf gar keinen Fall und unter keinen Umständen Rehe pflücken.“ Die Lehrerin und ich schauten uns an und wir versuchten ernst zu bleiben.

 

Als die Kinder in die Pause gingen und wir allein waren mussten wir erstmal herzhaft lachen. Er war einfach zu süß und mit welcher Überzeugung er uns das vorgetragen hatte. Die Vorstellung, dass Rehe an den Bäumen hingen und man sie pflücken könnte, amüsierte uns. Aber der Kern hinter seiner Aussage war ernst und verdient Achtung. Der kleine Professor wollte uns damit einfach sagen, dass wir auf unsere Schöpfung achten müssen und zwar unter allen Umständen. Das war ihm wichtig und uns sollte das ebenso wichtig sein.

 

Die meisten unserer Neujahresvorsätze kreisen ja um uns selbst. Abnehmen, mehr Sport, gesünder Essen. Selten überleben diese Vorsätze den Januar. Wie wäre es mit Vorsätzen, die machbar sind und zugleich noch etwas für unsere Schöpfung tun? Wir können uns an den Kindern ein Beispiel nehmen. Sie wissen Bescheid. Es ist eigentlich so einfach. Wir haben wieder ein neues Jahr. 365 Tage, um noch einmal anzufangen, Neues zu wagen, das Netz auszuwerfen.

 

365 Gelegenheiten, anders weiterzumachen, Versäumtes nicht mehr zu versäumen. 365 Möglichkeiten, vergessene Träume zu leben, sich nicht mit dem Gegebenen abzufinden. Ich bin dabei! Und Sie?

Tanja Langer ist Pfarrerin in Eckartshausen